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Interview mit One Take (Sub.Island / Leipzig)

One Take aus Leipzig

Sowohl diverse Musik-Macher als auch viele Kritiker sind sich einig, dass Dubstep das elektronische Genre mit dem größten Entwicklungs- und Innovationspotential im beginnenden 21. Jahrhundert ist. Einer, der sehr dazu beigetragen hat, den Sound in Deutschland salonfähig zu machen, ist OneTake. Er ist DJ aus Passion, Booker und Promoter des legendären Conne Islands in Leipzig und stellt ganz gern mal acht zusätzliche Bass-Boxen bei seiner Partyreihe „Sub.Island“ auf, um Dubstep nicht nur hörbar sondern auch fühlbar zu machen. Zudem ist er gern gesehener Gast bei Scuba’s „Substance“-Events im berüchtigten Berghain Berlin sowie bei diversen Veranstaltungen in der gesamten Bundesrepublik, denn er lässt sich genau wie das Genre nicht auf eine stringente Stilistik festnageln und bewegt sich im Spannungsfeld irgendwo zwischen House, UK Garage und eben Dubstep.

Thamash: Was war bei dir eigentlich die Initialzündung, dich dem gebrochenen, basslastigen Sound Südlondons namens Dubstep zu verschreiben?
OneTake: Sehr viele Faktoren haben da eine Rolle gespielt. Ich war schon immer auf der Suche nach neuer Musik und durch meine Drum’n'Bass-Sozialisation aber auch mein Garage- & Breaks-Interesse, aus denen ja Dubstep entstanden ist, bin ich vor allem durch den Grime-Rephlex-Sampler zum ersten Mal direkt darauf gestoßen.
Aber auch schon vorher habe ich unbewusst sowas gehört, wie zum Beispiel das Stereotyp-Album „My Sound“ und die „Al Haca“-Sachen. Vor allem das Rumhängen mit Fujikoma, mit dem ich anfangs auch zusammen Sub.Island veranstaltet habe, und einige London-Aufenthalte haben das sehr vertieft. Oder das 12kW-„Abassi Hi Power“-Soundsystem, das Anfang 2006 mit Neil Perch von „Zion Train“ im Conne Island für einen Abend aufgebaut wurde, hat einen großen Eindruck hinterlassen, welche Energie in solcher Musik stecken kann, wenn man ihr eine ordentliche Anlage zur Verfügung stellt.

Thamash: Nach der musikalischen Annäherung von Dubstep hin zu Minimal Techno war es da für dich die nächste logische Entwicklungsstufe, dass zahlreiche Produzenten wie Martyn oder Joy Orbison nun auch verstärkt die wärmere US House- und Detroit-Ästhetik in Dubstep-Tracks einfließen lassen?
OneTake: Logisch nicht unbedingt, aber Dubstep als Hybrid bringt immer wieder neue „Mutationen“ hervor. Martyn hat auch schon so etwas gemacht, siehe die ersten Non-Drum’n'Bass- Veröffentlichungen auf Re:volver, als noch nicht mal die Vermählung von Dubstep und Techno besprochen wurde.
Aber man kann schon sagen, dass es jetzt vermehrt House-Einflüsse zu beobachten gibt, was in meinen Augen auch durch den UK-Funky-Hype in England kommt, da erst dadurch für viele Produzenten das Interesse kam, weil House gerade auf der Insel durch die krasse Kommerzialisierung nicht relevant war. Jetzt besinnt man sich aber wieder der Wurzeln und es beackern vor allem jüngere Produzenten das Vermächtnis aus Detroit und Chicago.
Überhaupt ist gerade in vielen Genres ein House-Revival zu beobachten, auch im House selbst.

Thamash: Siehst du mit dem neuen House-Flow im Halfstep-Segment und der damit verbundenen neuen Massentauglichkeit auch die Gefahr, dass bald der große kommerzielle Ausverkauf beginnt und die großen Major-Labels ihr Stück vom Kuchen abhaben wollen, wie es bei Dizzee Rascal und dem Geschwister-Genre UK Grime geschehen ist?
OneTake: Das Genre ist schon lange im „Mainstream“ angekommen! In London wobbeln 16jährige Kids auf Ecstasy zu Raves, welche aufgrund der Alterbeschränkungen nur bis 12 Uhr gehen. Viele Produktionen klingen so stupide und hohl, was Drum’n'Bass in 10 Jahren nicht hinbekommen hat. So etwas wird dann oftmals hierzulande von DJs gespielt, welche sich als „Underground“ begreifen, denen dann aber komischer- weise Pendulum oder DJ Hype im Drum’n'Bass zu „Mainstream“ sind. Magnetic Man (Skream, Benga und Artwork) sind auf Columbia gesignt, Chase & Status sind auch mit Dubstep-Releases auf Mercury und featuren dort Jay-Z und Snoop Dog.
Es ist aber schwierig, bei diesen Genres strikt zwischen „Underground“ und „Ausverkauf“ zu unterscheiden. Was in England an Drum’n'Bass in Fußballstadien stattfindet, wird hier teilweise immer noch als abseitig vom Mainstream gesehen und mit subkulturellem Gedöns aufgeladen. Beim UK Grime gab es jedoch keinen wirklichen Ausverkauf. Es gab innerhalb der Szene keine gewachsene Infrastruktur. Die Protagonisten sitzen oftmals einfach im Knast und Partys durften aufgrund von Gewalt nicht mehr stattfinden. Zum Glück gab es da die Major-Labels, welche Dizzee Rascal als Grime-Artist zum Beispiel neue Perspektiven gaben. Dieser hat rechtzeitig den Absprung geschafft, ob das nun gefällt oder nicht, da eine ganze Szene im Begriff stand, den Bach runterzugehen, weil es eben nie gewachsene Strukturen wie Labels, Events und Vertriebe gab.
Dies ist im Dubstep anders, da der Szene genug Zeit gelassen wurde, sich im Süden Londons zu entwickeln und es auch immer nur um Musik ging, keine Dresscodes, keine MC-Dominanz, just Bass!

Thamash: Welche Rolle spielen in deinen Augen die britischen Radiostationen von den öffentlich-rechtlichen Institutionen der BBC bis hin zum ehemaligen Piratensender Rinse FM bei der Weiterentwicklung und Diversifizierung von Dubstep? Sind sie als Kommunikations- und Verbreitungsmedien aktueller denn je, trotzt der wachsenden Dominanz des Internets?
OneTake: Sie haben eine beträchtliche Rolle in der Entwicklung gespielt. Piratensender wie Rinse FM haben dazu beigetragen, dass die „Szene“ sich entwickeln und austauschen konnte. Zum Beispiel hat Mary Anne Hobbes mit ihrer „Dubstep Warz“-Show auf BBC Radio 1 im Januar 2006 dafür gesorgt, dass Dubstep sich von London aus in der ganzen Welt verbreitete und somit der Katalysator für die „virusartige“ Ausbreitung war, wie sie Kode 9 von Hyperdub Recordings beschreibt. Allerdings ist es schwer zu sagen, ob es aktueller denn je ist, da Rinse FM und BBC Radio 1 schon sehr lange über einen Internet-Stream verfügen und man somit keine Trennung mehr machen kann.
Die Entwicklung durch Internetradio und soziale Netzwerke wird dahin gehen oder ist schon da angekommen, dass es kaum noch regional beschränkte Szenen mehr geben wird, wie sich zum Beispiel das Phänomen Dubstep anfänglich auf den Plattenladen „Big Apple“ und den Club „FWD“ im Süden Londons konzentrierte oder Drum’n'Bass eben auch jahrelang auf London beschränkt war, was seine Vor- und auch Nachteile hat.

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Thamash: Wo siehst du überhaupt die Zukunft von Dubstep? Hat das Genre das Potential, die Hauptströmungen elektronischer Musik und damit auch ihre Anhänger unter einem Dach neu zu vereinen oder wird es immer ein Nischenprodukt bleiben und sich seine Eigenständigkeit bewahren können?
OneTake: Das ist schwer zu umreißen, wie ich finde, da man erstmal klären müsste, was das Genre ist oder wie es sich definiert. Für viele Konsumenten ist Dubstep mittlerweile das von dir genannte Halfstep-Segment, diese wissen genau was Dubstep ist, obwohl es nie wirklich klar war. Die von den Protagonisten genannten Definitionen waren immer nur Subbass und eine Geschwindigkeit von etwa 140 bpm. Alles andere war offen. Auch Shackleton und Burial laufen unter der Bezeichnung oder neue, eindeutig dem UK Garage und 2Step zuzuordnende Sachen wie Sully oder Pangaea. Mittlerweile werden auch Funky House und Techno beeinflusste Sachen mit weniger als 130 bpm in diesen Topf geworfen. Untolds Set im Conne Island vor 2 Monaten hatte sogar Breakcore-Anleihen, wie ich fand.
Man merkt, der Begriff ist nur sehr schwer zu fassen und erfindet sich noch ständig neu. Genau wie Dub an sich ein Hybrid ist und in jeder Musikrichtung Einflüsse und Referenzen hat und oft immer nur das Fundament darstellt. Für mich ist es einfach nur die innovativste experimentelle Musik nach 2000, die vielleicht am Besten an Personen, Events, Labels oder Netzwerken auszumachen ist. Ich weiß es nicht.
Ich denke Dubstep wird sich, wie es auch schon so ist, immer mehr ausdifferenzieren und vom Popstar bis zum Underground alles haben, wie eigentlich bei in Musikrichtung. Das Einzige, worüber ich mir sicher bin, ist, dass dem Bass die Zukunft gehört. Um Mala von DMZ zu zitieren: „At the end of the day it’s just music!“

Thamash: Du hast ja bereits sehr früh einige der ersten Dubstep-Partys in Deutschland auf die Beine gestellt. War es für dich als Promoter und Booker des renommierten Leipziger Clubs „Conne Island“ damals sehr schwer, derartige Veranstaltungen zu etablieren in einer Zeit, in der deutsche Ohren noch nicht sehr an den neuen Sound gewöhnt waren und es nur eine sehr überschaubare Fan-Gemeinde gab?
OneTake: Ich dachte, es würde sich schwer gestalten in einer Stadt wie Leipzig. Durch das Conne Island gab es aber auch einfach die perfekte Infrastruktur mit Soundsystem und finanzieller Abfederung. Es war dann aber relativ einfach, da die Resonanz phänomenal war. Alle haben vorher gesagt, dass nur Dubstep den ganzen Abend nicht funktioniert und dem Genre damit die Clubtauglichkeit absprachen. Jedoch hat niemand damit gerechnet, wir auch ich nicht, dass für diesen Sound so viele Leute teilweise aus ganz Deutschland und darüber hinaus anreisen würden.
Vor allem bei den ersten Partys, die zwischen 200 und 350 Gäste hatten, waren mehr Leute von außerhalb Leipzigs da als Einwohner. Dies hat sich natürlich rumgesprochen und alle wollten erleben, was da vor sich geht. Somit kamen dann zur 5. Ausgabe mit Kode 9 bereits über 450 Leute, was man mit keiner Drum’n'Bass-Veranstaltung, von Goldie mal abgesehen, zu der Zeit hinbekam. Dagegen ist es heute umso schwerer, da es jetzt in fast jeder Stadt Dubstep-Events gibt und der Reisewillen nach dem Hype bei weitem nicht mehr so ausgeprägt ist, wie noch zu Beginn. Da muss man schon sehr speziell agieren oder eben die ganz Großen ranholen.

Conne Island Leipzigv

Thamash: Was ist eigentlich das Erfolgsrezept des Conne Island, nicht nur konstant qualitative Events mit einem anspruchsvollen Künstler-Repertoire zu bieten, sondern sich auch wirtschaftlich über gut 20 Jahre zu halten? Liegt das nur an der Gesellschaftsform des eingetragenen Vereins und der dazugehörigen Kulturförderung oder verfolgt ihr eine spezielle Philosophie auf der dieser Erfolg basiert?
OneTake: Dies hat natürlich viele Gründe. Die Kulturförderung spielt da den eher untergeordneten Teil, ist aber natürlich auch essentiell, um Veranstaltungen auf einem hohen Niveau zu präsentieren. Das Wichtigste ist, glaube ich, die relativ offene Struktur des Ladens und vor allem des Plenums, bei dem ein Konsensprinzip herrscht. Dies ermöglicht es, dass man hier ziemlich schnell auf verschiedensten Ebenen Fuß fassen kann, was gerade der kontinuierliche Generationswechsel bei uns im Vergleich zum nicht vorhandenen in anderen Clubs zeigt.
Ein weiterer Stützpfeiler ist die Einbindung verschiedenster Szenen, die durch die große ehrenamtliche Beteiligung gewährleistet wird. Dadurch entsteht ein so unterschiedliches und vor allem qualitativ hochwertiges Veranstaltungsangebot, da Nerds jeglicher Szenen ihre Konzerte oder Events hier umsetzen können, insofern sie sich mit dem Projekt identifizieren und es auch über ihre eigenen Interessen hinaus supporten.
Was eben auch heißt, dass man nicht einfach hierher kommen kann und seine Lieblingsband buchen kann. Das wir nach so vielen Jahren immer noch so relevant sind, hat meiner Meinung nach, eine Menge damit zu tun.

Thamash: Du besitzt ja selbst auch ein sehr breites Spektrum an Platten. Welchen Stellenwert hat da für dich als DJ die musikalische Bildung deines Publikums? Ist es dir wichtig, auch mal etwas unbequemere Platten zu spielen, bei denen natürlich die Gefahr besteht, den Floor leer zu spielen, aber die den Zuhörer vielleicht auch mal über den Tellerrand des Gewohnten blicken lassen, was dem Dubstep ja sehr zu eigen ist?
OneTake: Mein Ansatz war schon immer Leuten etwas vorzuspielen, was sie vielleicht in dem Kontext so noch nicht gehört haben und nicht auf eine Richtung beschränkt zu sein, unter der Prämisse, tanzbar zu bleiben. Trotzdem lege ich zum Beispiel auch gern den ganzen Abend House in Reinform auf.
Ich versuche mich auch immer in die Veranstaltung, auf der ich auflege, einzuordnen. Das macht mir Spaß und ist oft eine Herausforderung. Es ist natürlich auch immer eine Frage, welche Voraussetzungen man vorfindet. Außerdem ist mir der Austausch mit dem Publikum ganz wichtig, was ja auch ein stetiges Hin und Her ist. Da ich nur mit Platten auflege, bin ich trotzdem immer darauf angewiesen, was ich zu Hause eingepackt habe. Worüber man sich oft ärgern kann, wenn das Publikum oder die Umgebung doch anders ist als erwartet. Ich erachte es aber als sehr wichtig, sich zu limitieren, da man mit einem Riesen- Laptop-Ordner sehr schnell verleitet wird, das Publikum zu bedienen und man den Überblick verliert und somit eine persönliche Note verloren geht.
Daher freue ich mich auch schon sehr, im Wettbüro aufzulegen. Es haben schon einige Leute, egal ob aus Dubstep, Drum’n'Bass oder House, gesagt, dass sie vorbeikommen. Ich hoffe, es ist für jeden was dabei. Mal sehen!

Thamash: Vielen Dank für die Einblicke in eine der sich zurzeit am stärksten entwickelnden Spielarten elektronischer Musik und weiterhin viel Erfolg bei deinen Veranstaltungsreihen im Conne Island.

http://www.myspace.com/onetakemaiko