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Interview mit DJ D.I.S (Ruff-E-Nuff / Chemnitz)

DJ D.I.S

Da die Raggajungle-Szene in den meisten Ländern nur ein Nieschendasein führt, haben sich ihre Protagonisten international vernetzt. Einer der deutschen Exportschlager und Netzwerker dieses Subgenre ist Manuel G. – bekannt als DJ D.I.S – der mit Projekten wie Ruff-E-Nuff oder dem Online-Portal raggajungle.biz die Fahne der Amenbreaks und Roots-Riddims hochhält wie kaum ein Anderer.

Aber nicht nur als Promoter, Connector, DJ und Selector wird er von Kollegen wie Fans geschätzt, sondern auch als Produzent. Seit 2006 erscheinen von ihm sowohl Vinyl- als auch Digital-Releases auf Labels wie Ulan Bator Recordings, Junglelivity oder Cashplate.

Noch im Jahre 2008 beleuchtete das Drum’n'Bass-Magazin Resident den Chemnitzer in der Rubrik „Rookies“. Heute ist er bereits Fachjuror beim Dresdner „Rookiebattle“. Deshalb plauderten wir vor dem Finale noch schnell mit ihm über Platten, Partys und Paraden.

Thamash: Dein Pseudonym D.I.S, das die Abkürzung von „Digital Improvised Soundclash“ ist, trägst du ja schon seit 1997. Wie bist du eigentlich darauf gekommen, zu einem Zeitpunkt als rein digitale Produktionstechniken und DVS-Syteme wie Final Scatch noch keinem DJ in den Sinn gekommen wären?

DJ D.I.S: Hah,von der Seite hab ich das noch gar nicht gesehen. Nunja, in erster Linie wollte ich damals ein Synonym, von dem es sich nicht ableiten lässt, welchen Style ich eigentlich spiele.
Meine ursprünglichen Wurzeln lagen damals durch Einfluss meines großen Bruders im Crust Punk. So gesehn ist das Wort DIS in diesem Sinne eine Hommage an Bands wie Discharge oder Disfear und so weiter. Parallel dazu entdeckte ich für mich die Welt der Elektronik, speziel lvon Christoph de Babalon bekannt als Tangerine Dream, beziehungsweise den Sound der Dub-Music mit Lee Perry,King Tubby etc. Das Improvisieren meiner Sets habe ich mir bis heute behalten, somit ist jede einzelne Show eine neue Erfahrung, sowohl für mich als auch das Publikum, da es keinen „Masterplan“ gibt.

Thamash: Jetzt mal Hosen runter! Was macht für dich als „Whitebread“ eigentlich den Reiz des Ragga- & Jungle-Sounds aus, der ja sehr stark in der kreolischen Einwandererkultur Großbritanniens verwurzelt ist und für den du ja berüchtigt bist, auch wenn dein musikalisches Spektrum sicher noch mehr Stile umfasst?

DJ D.I.S: Hmm, gute Frage! Ich steh in erster Linie auf Drums und Bass und nicht zuletzt auf Vibes. Gerade beim klassischen Jungle macht es die Symbiose aus einem einfachen Thema, schnellen Breaks, die verschiedenen Einflüsse anderer Genres und nicht zu vergessen die Idee und deren Umsetzung eines jeden Produzenten, daß gerade diese Musikrichtung unerschöpflich bleibt.
Man kann auch den Jungle heutzutage nicht mehr auf die ursprüngliche Weise wie in den Neunzigern definieren. Wenn ich also eine Definition dafür bestimmen müsste, so wäre meine: Jungle = von Dubstep bis Breakcore.

Thamash: Du warst ja mehrere Jahre Resident bei der Jungle-Parade namens „Jungle Street Groove“ in Basel, das sogar noch weniger Einwohner als deine Heimatstadt Chemnitz hat. Wie schaffen die Schweizer das eigentlich, einen derartigen Umzug mit bis zu einem Duzent Trucks zu realisieren, und warum funktioniert so etwas in Deutschland nicht wirklich?

DJ D.I.S: Das ist eher ein leidiges Thema. Unsere letzte JSG-Session war 2005. Einer der Mitveranstalter hatte sich damals von dem JSG-Team getrennt und versucht einen eigenen Umzug namens „Beat on the Street“ aufzuziehen. Den Ersten davon haben wir noch miterlebt, allerdings hatten sich da die Vibes schon beträchtlich verändert. Aber in der Tat, es war wie eine Art andere Welt und für uns immer ein guter und willkommener Ausflug ins Nachbarland. Vom Organisatorischen her lag auch vieles an den Stadtoberhäuptern, die in dieser Zeit das Potential des Umzugs erkannten und das Ganze sehr gut unterstützt haben. Warum das in Deutschland so nicht funktioniert ist schwer zu sagen. Ein nicht unwesentlicher Fakt ist sicherlich die schwächere Soundsystem- und Freetek-Kultur und die Vernetzung verschiedener Crews in Deutschland. Die Größe des Landes spielt sicherlich auch eine Rolle.

Thamash: Mit deinen internationalen Gigs bist du zudem von Litauen über die Ukraine bis nach Russland auch viel in Osteuropa unterwegs und hast einen guten Überblick über die dortige Raggajungle-Szene. Warum ist diese Musik-Kultur deiner Meinung nach gerade in den ehemaligen Ostblock-Staaten so stark?

DJ D.I.S: Das ist wirklich schwer zu beantworten! Allerdings ist es ein Fakt, dass dieser Tage, ich nenne es gern die 3. Welle des Jungles, gerade aus Russland die meisten Ragga-Produktionen kommen.
Leute wie Stepkillah, Hot, Igit, Feyder oder Smokah bereichern das Genre seit 3 bis 4 Jahren mit sehr guten Produktionen. Die Stimmung in Osteuropa ist auch zu vergleichen mit der Stimmung, die hier in den 90igern vorherrschte. Man muss auch noch dazuzählen, dass es dort nicht so einen massiven Geburtenknick gab, wie bei uns in Deutschland. Sicherlich spielt auch die tägliche Konfrontation mit Korruption und der Schere zwischen Arm und Reich eine Rolle. Denn gerade solche Zustände führten schon immer zu innovativen Sachen. Parallelen sieht man da definitiv z.B. bei der Entstehung des Reggae in Jamaika zur Zeit der Rassendiskriminierung zum Beispiel, nur eben zeitversetzt.

Thamash: Zweite große Hochburg des aktuellen Jungle-Sounds ist Kanada. Wie bist du eigentlich in die Situation gekommen, ab 2008 die Europa-Touren von Capital J zu organisieren? Hast du die Möglichkeit gezielt gesucht und hat dir der Support als Promoter geholfen, dich selbst auch mehr über die Grenzen Deutschlands zu etablieren?

DJ D.I.S: Naja, Fifty/Fifty würde ich sagen. Ich habe sicherlich neue Kontakte knüpfen können, aber konkret liefen die Touren bis jetzt eigentlich nur über bestehende Kontakte, die ich bis zur ersten Tour 2008 bereits geknüpft hatte. Mein Ziel war es seit jeher Leute miteinander zu verbinden.
Seit 1999 als ich meine erste Scheibe von Capital J kaufte, gehört er zu meinen absoluten Lieblingsproduzenten. Dann ab 2001 rum, als gerade die nordamerikanische Jungle-Welle aufflammte, hatte er mit Scheiben wie “Noize Check“ oder „Diss da Program“ auch finanziell sehr erfolgreiche Mashup-Ragga-Releases. Zu dieser Zeit war das Organisieren einer solchen Tour noch nicht denkbar. Realistisch wurde es dann 2007. Ich kam gerade von einer Show aus Kiev wieder und wollte nach der Landung in Berlin mit Basti von den Society Suckers noch etwas essen gehen, bevor ich wieder nach Chemnitz fuhr. In dem Moment als wir gehen wollten, klingelte es an der Tür und es stand C64 vor der Tür, der zu Christian, einem anderen Society Sucker wollte. Er schloß sich uns dann an und während des Essens fiel mir ein, das er ja in Toronto wohnt. Ich fragte ihn also, ob er Capital J kennen würde und er meinte es wäre ein sehr guter Freund von ihm. Nunja, ich nutzte die Chance und ließ ausrichten, das jemand in Europa gern eine Tour für ihn organisieren wöllte. Capital J meldete sich dann Ende 2007 bei mir und wir stellten die erste Tour im darauf folgenden Jahr auf die Beine. Mittlerweile hat sich auch eine sehr gute Freundschaft entwickelt, weshalb ich in diesem Umfang auch nur seine Touren organisiere.

Thamash: Zur Zeit ist ja in der weltweiten Brokenbeat-Gemeinde ein Trend zurück zu alten Samples und Oldschool-Ästhetik bei gleichzeitiger Abnahme der Geschwindigkeit unter die 160 BPM zu spüren, wie man zum Beispiel beim ShyFX-Remix von Doneaos „Riot Music“ oder Marc Pritchards„Lion“ deutlich hören kann. Ist das in deinen Augen nur eins von vielen Revivals, wie es sie aller Jubeljahre gibt, oder schon der erste Anlauf zu einem neuen Hybrid in Richtung Fusion-Jungle und Dubstep?

DJ D.I.S: Das Wort Revival könnte man meines Erachtens allenfalls imPop-Business benutzen. Steht doch dort der nächste Hype schon in den Startlöchern, während der aktuelle Trend gerade seinen Zenit erreicht. Beim Jungle würde ich lieber das Wort Progression gebrauchen, man könnte es auch eine Never Ending (Erfolgs-) Story nennen. In unserem kleinen aber feinen Genre geht es nicht um Hypes oder Trends. Ich würde behaupten, es geht vielmehr um Emotionen in einem zeitlosen Kontext. Waren die Rave-Tracks von Luna C zum Beispiel damals schon visionär und sehr emotionsgeladen, so lösen Sie heute immer noch genau diese Emotionen aus, obwohl wir viel weiter im Sound-Design und im innovativen Sinne sind. Das Schöne ist, man hat einen immer größer werdenden Pool an Sachen zur Verfügung, die man spielen kann.
Ein anderer Baustein ist bei dieser Geschichte der DJ. Seine wichtigste Aufgabe sollte es doch sein, an einem beliebigen Abend eine emotionale Stimmung zu kreieren und den Leuten, die Eintritt bezahlt haben, eine schöne Zeit zu bescheren. Mir ist es dabei egal aus welchem Jahr die Tracks stammen oder welche Sample schon zum x´ten mal benutzt wurden. Wichtig ist es, den richtigen Tune im richtigen Moment zu selektieren. Dank des großen Pools an Tracks und der Verschmelzung der Genres ist dies auch super möglich.
Zum Thema Dubstep sei noch gesagt, ich liebe ihn und bin froh, dass dieses Genre einen so guten Zuwachs an Leuten erlebt. Wurde Dub jahrelang etwas unterbewertet, zumindest im Partybereich, ist es nun endlich Dancefloor-kompatibel geworden.

Thamash: Seit gut 2 Jahren erscheinen in regelmäßigen Abständen nun auch deine eigenen Vinyl-Releases. Willst das noch intensivieren, mehr veröffentlichen oder sogar ein eigenes Label initiieren?

DJ D.I.S: Ich bin sehr froh, das es einige meiner Ideen doch noch auf Vinyl geschafft haben. Werden doch die Veröffentlichungen allgemein immer weniger. Ich für meinen Teil, bin mehr DJ als Produzent, weshalb sich meine Anzahl an Tracks auch im Rahmen hält. Zeit habe ich auch nicht um ein eigenes Label zu managen.
Nichtsdestotrotz wird es sicherlich in Zukunft auch weiterhin Releases von mir geben, allerdings sind diese dann wohl eher digital.

Thamash: Dann viel Erfolg mit deinen digital improvisierten Soundclashes und vielen Dank für deine Zeit!